Die VW-Krise und Deutschlands Misere
Die geplanten Einschnitte bei Volkswagen erschüttern die Deutschen. Vielleicht auch deswegen, weil sie auf die Lage des gesamten Landes verweisen.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz und VW-Konzernchef Oliver Blume haben einiges gemeinsam. Sie versuchen, bei den Leuten gut anzukommen und sie für ihre Ideen zu begeistern. Dabei sind die Herausforderungen riesig. Streicht Merz den Herbst der Reformen hervor, geht es für Blume um einen Grossumbau im zweitgrössten Autohersteller der Welt. Kleine Schritte reichen nicht mehr. «Bis 2030 machen wir die Volkswagen Group zum attraktivsten Automobilunternehmen der Welt», verkündet Blume pathetisch. Mit Blick auf die nächsten Bundestagswahlen hat der Kanzler nicht so viel Zeit.
Jürgen Dunsch, Wirtschaftsjournalist FAZ et al.Wenn Konzernchef Blume von 20 Prozent höheren Kosten gegenüber vergleichbaren Konkurrenten spricht sowie 2025 einen Gewinneinbruch um fast die Hälfte erlebte, dann ist es mit der Gemütlichkeit vorbei. Radikales Handeln tut Not.
Volkswagen befindet sich in einer Sondersituation. Im Aufsichtsrat verfügen die von der IG Metall vertretenen Arbeitnehmer zusammen mit dem 20-Prozent-Aktionär Niedersachsen über eine eingebaute Mehrheit. Mit Blick auf ihre Wahlen in diesem für VW bedeutsamen Bundesland bemüht sich die Landesregierung regelmässig um den Schulterschluss mit den Gewerkschaften und – nicht zu vergessen – den Betriebsräten vor Ort. Volkswagen, der IG-Metall-Konzern – dies besonders bei der Stammmarke VW. Entsprechend gut stellen sich dort die selbstbewussten Beschäftigten, wie schon viele Vorstandsvorsitzende erfahren mussten. Das geht zu Lasten der Profitabilität.
Der Mittelstand bildet eine tragende Säule
Derzeit arbeiten im Inland noch rund 293’000 Menschen für VW. Allgemein besitzt die Fahrzeugbranche eine sehr starke Stellung in Deutschland. Dennoch: Das Rückgrat bilden die vielen Mittelständler quer durch alle Sektoren und die gut ausgebildeten Handwerker. Klar: Die Abbaupläne in Wolfsburg mit womöglich vier Fabrikschliessungen werden so manchen Zulieferer in die Enge treiben. Aber sind sie auch ein Sinnbild für die aktuelle Misere des Landes? Was ist mit den Leuten, die tagtäglich in Fabriken und Büros ihre Pflicht erfüllen, sich durch Steuern und Sozialabgaben gedrückt fühlen und den Zustrom an echten und sogenannten Flüchtlingen mit Misstrauen sehen? Sie bangen unter dem Eindruck von VW mehr denn je um ihre Arbeitsplätze und tragen zur aktuellen Konsumschwäche bei. Die Stichwörter für das nationale Elend sind schnell zur Hand: Zu hohe Abgaben, eine verfallende Infrastruktur (siehe die Bahn), zu viel Bürokratie (siehe das Verwaltungsmonster Berlin). Aber gerade Volkswagen mit seiner notorisch schwachen Kernmarke VW weist auf handfestere Nachteile hin. Wenn Konzernchef Blume von 20 Prozent höheren Kosten gegenüber vergleichbaren Konkurrenten spricht sowie 2025 einen Gewinneinbruch um fast die Hälfte erlebte, dann ist es mit der Gemütlichkeit vorbei. Radikales Handeln tut Not. Da bietet auch die Tatsache, dass die Automobilindustrie in Europa nur noch zu 55 Prozent ausgelastet ist, nur einen begrenzten Trost.
VW hat mit dem Aufräumen begonnen
Wie das ganze Land mit seinem Reformstau hatte Volkswagen zu lange gezögert. 2024 wurde dann ein Sparprogramm mit dem Abbau von 50’000 Stellen vorgelegt. Jetzt soll die Zahl verdoppelt werden. Ein hoher Kostenblock in Deutschland sind die Energiepreise. Das überrissene Niveau belastet das Land, die Automobilhersteller und alle anderen Unternehmen. Nach dem Dieselskandal, den Diskussionen um die E-Autos, dem Vorrücken Chinas und Trumps Zollpolitik versucht es VW mit einem scharfen Gegensteuer – allerdings über mehrere Jahre. Die Politik legt das «allen Wohl und keinem Weh» gleichfalls nur langsam ab. Der Abschied von den grundsätzlich uferlosen Wünschen des Sozialstaates fällt schwer. Dessen Leistungen seien in den vergangenen 15 Jahren über Gebühr ausgebaut worden, meint der liberale Ökonom Lars Feld. Er hat recht. Die Bundesbürger wurden durch immer mehr Wohltaten geradezu eingelullt. Ein Abschied vom alten Denken fällt hier ungleich schwerer als in Unternehmen, weil sich Abstiegstendenzen nicht gleich in Gewinnzahlen niederschlagen und man bei Engpässen leicht zu neuen Staatsschulden greift. 1997 äusserte sich Bundespräsident Roman Herzog zur Lage der Nation. In seiner berühmten Ruck-Rede sagte er: «Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen … Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen …» Die Umsetzung dieser Forderung haben die Deutschen bis heute nicht wirklich angepackt.