Die verborgenen Seiten der Macht

Macht und Machtansprüche begleiten unser ganzes Leben. Sie sind aber nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen.

Von Abraham Lincoln, einem der Amtsvorgänger des amtierenden amerikanischen Präsidenten, ist der Satz überliefert: «Willst Du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht». Das lädt leicht zu süffisanten Bemerkungen über die aktuelle Situation ein. Kein Zweifel, Macht ist eine Charakterfrage. Bei Menschen ohne Mass und Ziel gleitet sie rasch in Willkür ab. In gleichem Masse kann Macht aber in einen produktiven Gestaltungswillen und notwendige Veränderungen münden. In den Worten des Soziologen Heinrich Popitz: «Macht ist verändern können.» Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Demokratie bedeutet Machtbegrenzung
Leicht wird verkannt, dass die Kategorie Macht unser ganzes Leben begleitet. Sie macht sich von der Wiege bis fast zur Bahre bemerkbar. Die Stichworte lauten Eltern, Lehrer, Vorgesetzte sowie Behörden oder allgemeiner gesagt die Staatsgewalt. Zugleich zeigt die Machtausübung viele Facetten, nicht nur den erwähnten Extremfall Willkür. Demokratisch gewählte Politikerinnen und Politiker suchen und erhalten Macht – allerdings nur begrenzt und auf Zeit. In ihrem regelbasierten Handeln unterscheiden sie sich grundlegend von Autokraten und Diktatoren, die einseitig und umfassend definieren, was das Beste für die ihr Unterworfenen ist. Widerspruch wird geahndet. Wenn die Macht erodiert, dann geht es allerdings oft sehr schnell wie jüngst in Syrien.

Der Drang zur Machtausweitung dürfte Donald Trump seine ganze Amtszeit begleiten. Das liegt in seinen Genen. Gerne wird eingewandt, die Institutionen der USA verkrafteten das. Aber Macht ist eine grosse Versuchung. Sie macht so manche Dämme löchrig.

Jürgen Dunsch, Wirtschaftsjournalist

Macht vermag auch aus sozialer und wirtschaftlicher Stellung, strukturellen Vorteilen wie etwa besserer Bildung oder natürlicher Autorität entstehen. A propos Autorität. Sie verbindet sich regelmässig mit der Macht von Worten. «Ich bin ein Berliner», rief der amerikanische Präsident John F. Kennedy bei seinem Besuch 1963 aus. Besser konnte man seinen Widerstand gegen die Sowjets nach dem Bau der Mauer zwei Jahre zuvor nicht artikulieren. Mit «Wir schaffen das», schmeichelte Angela Merkel 2015 den Deutschen und schuf eine Rechtfertigung für ihre «Willkommenskultur» gegenüber den ins Land drängenden Menschenströmen.

Nicht immer äussert sich Macht direkt. Sie kennt auch verborgene Seiten, in denen mit scheinbar objektiven und breit akzeptierten Begriffen operiert wird. In der Opferrolle sein, die Behauptung moralischer Überlegenheit, angebliche Benachteiligung und Gefahrenabwehr heissen einige dieser Chiffren, die den Wunsch nach Machterweiterung kaschieren können. Übertreibt es ein Politiker oder Wirtschaftstycoon mit seinem Machtgehabe, würden ihn die Finanzmärkte disziplinieren, heisst es immer wieder. Es stimmt, freie Märkte können Übertreibungen einhegen, etwa durch höhere Risikoprämien bei überbordenden Staatsschulden. Aber wenn sich Investoren individuelle Vorteile versprechen, ist es mit der Disziplinierung rasch vorbei.

Macht mit Verantwortung für künftige Generationen
Je grösser die Macht, desto höher die Verantwortung. Auch dies zeigt sich erst auf den zweiten Blick. Das eigene Pflichtenheft und die externe Kontrolle gehören untrennbar zu einem Machtstreben produktiver Art. In seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1987 sagte der deutsch-amerikanische Philosoph Hans Jonas in Anlehnung an Kant: «Handle so, dass die Wirkungen Deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.» Der Drang zur Machtausweitung dürfte Donald Trump seine ganze Amtszeit begleiten. Das liegt in seinen Genen. Gerne wird eingewandt, die Institutionen der USA verkrafteten das. Aber Macht ist eine grosse Versuchung. Sie macht so manche Dämme löchrig. Die Art und Weise des Gestaltungsdrangs der US-Administration wird ein Dauerthema in den nächsten Jahren sein.

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