Der teuerste Fortschritt der Wirtschaftsgeschichte: KI ohne Produktivität
Der Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz zählt bereits heute zu den grössten Kapitalzyklen der Wirtschaftsgeschichte. Allein seit 2024 sind 64 Cent jedes zusätzlichen US-BIP-Dollars auf Technologieausgaben zurückzuführen. Zugleich bleibt die tatsächliche wirtschaftliche Wirkung von KI bislang hinter den Investitionen zurück.
Die Investitionen in Hardware sind von knapp 2 Prozent des US-BIP auf mittlerweile mehr als 3 Prozent gestiegen. Trotz dieser Entwicklung ist der breite Produktivitätsschub durch KI bislang ausgeblieben. Zwar lag das Produktivitätswachstum zuletzt bei über 2 Prozent und damit über dem Trend von 1.5 Prozent des vorherigen Zyklus, doch dieser Anstieg ist vor allem auf die Erholung des Arbeitsmarktes nach der Pandemie zurückzuführen. Der entscheidende Grund: Mehr als drei von vier US-Unternehmen haben KI bislang noch nicht integriert. Die Diskrepanz zwischen Investitionen und tatsächlicher Nutzung erklärt, warum die Erwartungen an die Produktivitätsgewinne so stark auseinandergehen. Während konservative Schätzungen den aktuellen Beitrag von KI zur Produktivität nahezu bei null sehen, prognostiziert die OECD für stark exponierte G7-Volkswirtschaften jährliche Produktivitätszuwächse von bis zu 1.3 Prozentpunkten. Historische Vergleiche sprechen allerdings für Geduld. Auch das Internet benötigte nahezu ein Jahrzehnt, bevor sich die Produktivitätsgewinne messbar in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen niederschlugen.
KI wirkt kurzfristig eher inflationär
Während KI langfristig als Produktivitätstreiber gilt, deuten aktuelle Daten zunächst auf einen inflationären Effekt hin. Ein neuer US-KI-Intensitätsindex zeigt, dass KI bereits einen positiven und steigenden Beitrag zur Inflation leistet. Besonders betroffen sind Branchen mit hoher KI-Exposition. Am deutlichsten zeigt sich dieser Effekt im Energiesektor. Die Strominflation in den USA lag Ende 2025 bei 6.9 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie der Gesamt-PCE-Index. Gleichzeitig dürfte sich der Anteil von Rechenzentren am gesamten US-Stromverbrauch bis 2030 nahezu verdoppeln.
Laura Cooper, Global Investment Strategist, NuveenDer Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz zählt bereits heute zu den grössten Kapitalzyklen der Wirtschaftsgeschichte.
Hinzu kommt ein psychologischer Faktor: Wenn Unternehmen und Konsumenten künftige Produktivitätsgewinne antizipieren, könnten Investitionen und Konsumausgaben vorgezogen werden. Dadurch entsteht zusätzlicher Inflationsdruck, noch bevor die erwarteten Effizienzgewinne tatsächlich realisiert werden. Zwar könnte KI langfristig über sinkende Lohnstückkosten die Dienstleistungsinflation dämpfen. Laut einer Umfrage des Weltwirtschaftsforums rechnen Ökonomen jedoch inzwischen damit, dass entsprechende Produktivitätsgewinne in den meisten Sektoren erst in mindestens zwei Jahren sichtbar werden.
Kapitalmärkte zwischen Produktivitätsfantasie und Inflationssorgen
Die Auswirkungen der KI-Revolution reichen inzwischen bis in die Anleihemärkte. Untersuchungen des National Bureau of Economic Research (NBER) zeigen, dass die Renditen von US-Staats- und Unternehmensanleihen nach wichtigen KI-Modellveröffentlichungen in den Jahren 2023 und 2024 im Durchschnitt um mehr als zehn Basispunkte fielen. Der massive Ausbau von Rechenzentren, Energieinfrastruktur und Halbleiterkapazitäten führt zugleich zu einem erheblichen zusätzlichen Finanzierungsbedarf. Die Emission langfristiger Unternehmensanleihen könnte dadurch strukturellen Aufwärtsdruck auf die Laufzeitprämien ausüben. Für Investoren bleibt damit die zentrale Frage, ob die kurzfristigen inflationären Effekte oder die langfristigen Produktivitätsgewinne überwiegen werden. Während die wirtschaftlichen Vorteile von KI erst nach und nach sichtbar werden dürften, wirkt die Nachfrage nach Kapital bereits heute. Aus Anlegersicht spricht dies für einen differenzierten Blick auf die KI-Transformation. Entscheidend wird weniger das generelle KI-Exposure eines Unternehmens sein als vielmehr die Fähigkeit, Investitionen tatsächlich in nachhaltige Erträge umzuwandeln.