Auch Notenbanker können nicht «nicht» kommunizieren

Das gesprochene Wort ist ein geldpolitisches Instrument. Wie Zinserhöhungen oder Devisenmarktinterventionen. Von den Notenbankern oft bewusst und gezielt eingesetzt. Mitunter aber auch ungewollt – mit unbeabsichtigten Folgen. Vier Beispiele aus der Vergangenheit verdeutlichen die Kraft des Wortes.

«Irrational exuberance», irrationaler Überschwang. Mit dieser Wortkreation hatte der damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan vor 30 Jahren auf eine in seinen Augen deutliche Überbewertung der Aktien hingewiesen Die Marktteilnehmer interpretierten dies als Warnhinweis und fürchteten Zinserhöhungen. Zwei Worte schickten die Aktienmärkte auf Talfahrt. (Kleine Randnotiz: Der S&P 500 stand damals bei rund 750 Punkten, aktuell notiert er bei über 7’500 Punkten, eine glatte Verzehnfachung.)

«Whatever it takes», was immer nötig sei, werde die EZB tun, um die Euro-Krise zu bewältigen, versprach EZB-Chef Mario Draghi im Juli 2012. Und er ergänzte: «And believe me, it will be enough», es werde auf jeden Fall genug sein. Keine konkrete geldpolitische Massnahme, sondern diese inzwischen legendären Worte standen am Beginn der Wende in der Euro-Krise.

Das gesprochene Wort ist ein geldpolitisches Instrument.

Thomas Heller, Chief Economist, Frankfurter Bankgesellschaft Gruppe

Ben Bernanke, Fed-Chef von 2006 bis 2014, sorgte kurz nach Amtsantritt unbeabsichtigt für Marktturbulenzen. Er hatte an einem Galadinner einer CNBC-Journalistin auf die Frage, ob die Märkte seine Aussagen richtig interpretiert hätten, mit «nein» geantwortet. Als CNBC über diese Aussage berichtete, kam es zu einer deutlichen Marktreaktion. Bernanke nannte dies später «a lapse in judgement», eine Fehleinschätzung. Ein Beobachter meinte damals lakonisch: «Notenbanker sollten nicht auf Partys gehen.»

Jerome Powell, Kevin Warshs Vorgänger als Fed-Chef, überraschte die Märkte 2018 gleich zweimal. Im Oktober sagte er bei einem Podiumsgespräch mehr nebenbei «we are a long way from neutral at this point, probably», man sei vermutlich noch weit vom neutralen Zinssatz entfernt. Das wurde als Hinweis auf stärkere Zinserhöhungen interpretiert. Die Marktreaktion folgte prompt, vor allem bei den Aktien, für die stark steigende Zinsen Gift sind. Powells beiläufiges Statement trug zur Börsenkorrektur im Oktober 2018 bei. Im November 2018 folgte die Kehrtwende. Powell sagte dann, der Leitzins liege nur knapp unter dem geschätzten neutralen Niveau, welches das Wirtschaftswachstum weder stützt noch bremst. Das war erneut eine Überraschung. Die Aktienmärkte dankten es mit Avancen. Beim zweiten Mal war die Aussage wohl bewusster platziert, kann man doch davon ausgehen, dass Powell aus seinem «Anfängerfehler» (Zitat eines Analysten) gelernt und seine Worte sorgfältiger gewählt hatte.

Kevin Warsh, der neue Chef der US-Notenbank (Fed), ist kein Freund übermässiger Kommunikation. Dahingehend hatte er sich bereits vor seinem Amtsantritt deutlich geäussert. Und er hat Wort (!) gehalten. Das schriftliche Statement nach der ersten von ihm geführten Sitzung fiel deutlich kürzer aus als unter seinen Vorgängern. Im Statement fehlte die sogenannte «forward guidance», mit der die amerikanischen Währungshüter bislang die Märkte auf den geldpolitischen Pfad vorbereitet haben. Ausserdem hat Warsh sich bei den Fed-Projektionen, bei denen alle Fed-Mitglieder ihre Einschätzung bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung, der Inflation und des erwarteten Zinsverlaufs abgeben, der Stimme enthalten. Und schliesslich war die Pressekonferenz signifikant kürzer als etwa unter seinen VorgängerInnen Janet Yellen und Jerome Powell. Dabei betonte er erneut, dass die Fed künftig weniger und gezielter kommunizieren wolle.

Gibt Kevin Warsh damit ein geldpolitisches Instrument aus der Hand? Nein! Einerseits wird auch Warsh kommunizieren, nur halt weniger und gezielter. Andererseits ist es oft genauso interessant, was nicht gesagt, was weggelassen wird. Der österreichisch-amerikanische Philosoph Paul Watzlawick meinte einst, dass jede Handlung oder Unterlassung ein Verhalten sei. Man könne sich nicht nicht verhalten. Selbst Schweigen oder das Ignorieren anderer sei eine nonverbale Botschaft, die interpretiert werde. Und somit gelte: «Man kann nicht nicht kommunizieren.» Das gilt auch für Kevin Warsh.

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