Die wahre Stärke des Schweizer Finanzplatzes zeigt sich am Beispiel Dubai

Der kometenhafte Aufstieg von Dubai zum globalen Finanzplatz wurde in Europa lange mit einer Mischung aus Faszination und Nervosität verfolgt. Steuerliche Grosszügigkeit, spektakuläre Infrastruktur und das eigens geschaffene Dubai International Financial Centre (DIFC) mit westlich anmutendem Rechtssystem verliehen der Wüstenmetropole das Selbstbewusstsein, sich zwischen London, Singapur und Hongkong einzuordnen – und den Schweizer Finanzplatz gleich mit herauszufordern.

Die Rechnung schien zunächst einfach: kaum Unternehmenssteuern, keinerlei Einkommenssteuer für Privatpersonen, luxuriöse Lebensbedingungen und ein regulatorisches Umfeld, das mehr Charme als Widerstand ausstrahlt. Für Banken, Vermögensverwalter und eine globale Klasse ultrareicher Nomaden klang das wie ein Versprechen: maximales Vermögen bei minimaler staatlicher Einmischung. Ein Finanzplatz wie ein Steuerparadies mit Skyline. Doch nun, kaum drei Wochen nach Beginn des Iran-Konflikts, zeigt sich, wie dünn die glänzende Oberfläche tatsächlich ist. Die sorgfältig polierte Fassade Dubais als stabiler, sicherer und zukunftsorientierter Wirtschaftsstandort beginnt erstaunlich schnell zu bröckeln. Der Mythos der konfliktfreien Oase entpuppt sich als das, was er immer war: ein Marketingprodukt.

Die sorgfältig polierte Fassade Dubais als stabiler, sicherer und zukunftsorientierter Wirtschaftsstandort beginnt erstaunlich schnell zu bröckeln. Der Mythos der konfliktfreien Oase entpuppt sich als das, was er immer war: ein Marketingprodukt.

Reto Giudicetti, The Onliner

Kapital ist ein scheues Reh – ein vielzitierter Satz, der selten so anschaulich bestätigt wurde wie derzeit in Dubai. Kaum fliegen in der Region Drohnen und Raketen aus Richtung Iran, setzt bei Investoren jener Instinkt ein, der Vermögen überhaupt erst gross gemacht hat: der Fluchtinstinkt. Plötzlich wirkt die Idee, Milliardenvermögen ausgerechnet in einer Region zu parken, die seit Jahrzehnten als geopolitischer Krisenraum gilt, weniger visionär als fahrlässig. Das Sicherheitsgefühl, das noch vor wenigen Monaten mit makellosen Hochglanzbildern verkauft wurde, weicht einer simplen Erkenntnis: Der Nahe Osten ist und bleibt ein politischer Vulkan – unabhängig davon, wie viele Luxusresorts man in den Sand baut. Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Immobilienpreise geraten unter Druck, Kapital beginnt in bemerkenswerter Geschwindigkeit abzuwandern, und die stets gut gelaunte Influencer-Armee, die Dubai jahrelang als steuerfreies Paradies der globalen Elite inszeniert hat, entdeckt plötzlich andere Traumdestinationen – Loyalität ist halt keine Kernkompetenz der Social Media Community, deren Geschäftsmodell im Wesentlichen aus Sonnenuntergängen und Rabattcodes besteht.

Noch vor wenigen Wochen wurde der Schweizer Finanzplatz zuweilen als leicht angestaubtes Relikt wahrgenommen. Zu viel Regulierung, zu wenig Dynamik, zu wenig Glamour. Während in Dubai angeblich die Zukunft geschrieben wurde, wirkte die Schweiz für manche Beobachter wie ein wohlgeordnetes Museum der Finanzgeschichte. Manch ein Banker fragte sich tatsächlich, ob die Musik inzwischen anderswo spiele. Ob der wahre Pulsschlag der globalen Vermögensverwaltung nicht längst am Persischen Golf zu hören sei. Heute zeigt sich, wie kurzsichtig diese Betrachtung ist. Ein internationaler Finanzplatz lebt nicht von spektakulären Skylines, steuerlichen Lockangeboten oder der neuesten Generation von Superyachten in der Marina. Er lebt von etwas weit Profanerem – und zugleich Unersetzlichem: politischer Stabilität, verlässlichen Institutionen und einem geografischen Abstand zu Raketenreichweiten. In dieser Hinsicht wirkt die Schweiz tatsächlich wie ein globaler Langweiler. Weniger Sonne, weniger Glamour, weniger Instagram. Dafür aber etwas, das sich nicht mit steuerlichen Sonderzonen simulieren lässt: eine jahrzehntelang gewachsene Stabilität in einem vergleichsweise ruhigen geopolitischen Umfeld. Damit zeigt sich gerade in Zeiten wachsender Unsicherheiten exemplarisch, dass die wahre Stärke eines Finanzplatzes nicht im spektakulären Wachstum liegt, sondern in seiner Fähigkeit, auch dann langweilig stabil zu bleiben, wenn es anderswo plötzlich laut wird.

Hauptbildnachweis: Freepik