Knappheit ist das neue Öl – und der wichtigste Renditetreiber der nächsten Dekade

Die globalen Kapitalmärkte werden heute nicht mehr primär von klassischen Konjunkturzyklen oder der Geldpolitik der Zentralbanken bestimmt. Stattdessen entwickelt sich die Weltwirtschaft zunehmend zu einer Knappheitsökonomie. Engpässe bei Energie, Halbleitern, Stromkapazitäten und KI-Infrastruktur prägen immer stärker die globale Kapitalallokation und schaffen neue Gewinner entlang strategischer Wertschöpfungsketten.

Die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit der Aktienmärkte in den vergangenen Monaten verdeutlicht diesen Wandel. Trotz steigender Ölpreise und anhaltender geopolitischer Unsicherheiten legte der S&P 500 in den vergangenen drei Monaten rund 15 % zu. Europäische Aktien gewannen knapp 9%, während der Schweizer Markt, gemessen am SMI, rund 11 % erzielte. Dies spiegelt eine veränderte Wahrnehmung wider: Knappheiten werden zunehmend als strukturelle Quelle von Wachstum und Rentabilität in bestimmten Sektoren und Regionen verstanden.

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz. Der MSCI World Information Technology Index verzeichnet seit Jahresbeginn eine Rendite von rund 22%. Allein im Mai flossen rund 130 Milliarden US-Dollar in US-Aktien-ETFs, davon nahezu 19 Milliarden US-Dollar in den Technologiesektor. Die Kapitalströme konzentrieren sich dabei auf jene Bereiche, in denen die eigentlichen Engpässe der KI-Revolution liegen: Halbleiter, digitale Infrastruktur und Rechenzentren. Die Dynamik wird durch eine historisch hohe Investitionstätigkeit getragen, und die Investitionspläne der grossen Cloud-Anbieter werden kontinuierlich nach oben angepasst. Die fünf grössten Hyperscaler (Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta und Oracle) planen für 2026 zusammen Investitionen von rund 635 bis 690 Milliarden US-Dollar. Bemerkenswert ist dabei die Verteilung dieser Ausgaben: Nur etwa ein Viertel entfällt auf Halbleiter, während rund 75% in physische Infrastruktur wie Rechenzentren, Energieversorgung, Kühlsysteme und Netzwerke fliessen. KI ist damit längst nicht mehr nur ein Chip-Thema – sie entwickelt sich zunehmend zu einem Infrastruktur- und Energiethema.

Knappheit wird zum dominierenden Treiber von Kapitalmärkten, Inflation und globalen Wertschöpfungsketten. Wer die Engpässe kontrolliert, kontrolliert künftig auch die Wertschöpfung.

Arthur Jurus, Chief Investment Officer, ODDO BHF

Die starke Nachfrage nach KI‑Infrastruktur verschärft die strukturellen Knappheiten entlang der gesamten Elektronik‑Wertschöpfungskette. Im Jahr 2026 werden KI-Rechenzentren voraussichtlich bis zu 70% der weltweit produzierten High-End-Speicherchips absorbieren. Besonders angespannt ist die Situation bei High-Bandwidth Memory (HBM), einem hochspezialisierten Hochleistungsspeicher, der direkt in KI-Beschleunigern wie Nvidias H100- und B200-Systemen verbaut wird. HBM beansprucht mittlerweile rund 23% der globalen DRAM-Wafer-Kapazität. Da seine Herstellung technisch komplex ist und deutlich mehr Chipfläche erfordert als herkömmlicher Arbeitsspeicher, entzieht er dem Markt erhebliche Produktionskapazitäten. Die Folge sind steigende Preise sowie eine zunehmende Verdrängung anderer Industrien, wobei Automobilhersteller, Smartphone-Produzenten und die Luftfahrtindustrie um die verbleibenden Kapazitäten konkurrieren.

Parallel dazu entwickelt sich auch im Energiesektor eine strukturelle Knappheit. Rechenzentren verbrauchten 2024 etwa 415 TWh Strom, was rund 1,5% des weltweiten Verbrauchs entspricht. Bis 2026 könnte dieser Bedarf auf etwa 1.050 TWh steigen und sich bis 2030 nochmals verdoppeln. Das Wachstum von rund 12% pro Jahr liegt deutlich über dem globalen Stromverbrauch, der sich historisch zwischen etwa 3,0% und 4,4% pro Jahr bewegt. Rechenzentren wachsen also etwa dreimal so schnell wie der restliche globale Strommarkt. Damit entsteht ein neuer struktureller Engpass. Branchenanalysten und der US‑Netzbetreiberverband erwarten, dass allein in den USA bis 2028 zusätzliche Kapazitäten von rund 45 bis 50 Gigawatt benötigt werden, was in etwa der gesamten Stromkapazität von Ländern wie Australien oder den Niederlanden entspricht. Der erforderliche Kapazitätsausbau ist in diesem Zeithorizont kaum realisierbar. Da der Ausbau von Stromnetzen und Anschlüssen oft 7 bis 10 Jahre dauert, kann das Angebot mit der dynamisch steigenden Nachfrage nicht Schritt halten.

Diese Knappheit in Energie, Infrastruktur und kritischen Komponenten treibt zwar Investitionen und Wachstum, erhöht aber gleichzeitig auch den Preisdruck. Der Ausbau von Rechenzentren, steigende Investitionen in Halbleiter und Software sowie der hohe Energiebedarf erhöhen die Nachfrage nach ohnehin knappen Ressourcen wie Strom und Chips und wirken klar inflationstreibend. Gleichzeitig verstärken infrastrukturelle Engpässe diesen Preisdruck. Mittelfristig könnten sich die Kostenimpulse mit der Ausweitung des Angebots und dem Abbau von Engpässen abschwächen. Allerdings ist offen, wie schnell KI tatsächlich in messbare Produktivitätsgewinne übersetzt wird. Da diese Effekte typischerweise verzögert eintreten, dürften die inflationären Kräfte zunächst überwiegen. Goldman Sachs schätzt, dass KI-bedingte Kosteneffekte bereits rund 0,3 Prozentpunkte zur Kern-PCE-Inflation beigetragen haben und dass zusätzliche Faktoren – insbesondere der steigende Strombedarf – die PCE-Inflation in den kommenden Jahren um weitere 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte erhöhen könnten.

Langfristig hat KI jedoch das Potenzial, disinflationär zu wirken. Effizienzgewinne durch Automatisierung, optimierte Prozesse und verstärkte Innovation können die Produktionskosten senken und damit den Preisdruck reduzieren. Eine aktuelle Studie zeigt, dass der Einsatz von KI die Inflation in der EU tendenziell senkt. Steigt der Anteil der Unternehmen mit KI um 10 Prozentpunkte, sinkt die Inflation im Durchschnitt um 0,3 bis 0,6 Prozentpunkte. Entscheidend ist hierbei jedoch die Geschwindigkeit, mit der Produktivitätsgewinne realisiert werden und ob sie die hohen Investitions- und Energiekosten kompensieren können.

In diesem von Knappheit geprägten Umfeld bleiben die Anleihemärkte unter Druck. Die unmittelbarsten Profiteure liegen in der Infrastruktur, insbesondere in den Bereichen Halbleiter, Cloud-Plattformen und Energieversorgung für Rechenzentren, die direkt von der steigenden Nachfrage profitieren. Ins Auge stechen dabei mehrere US-Unternehmen aus dem Halbleiterbereich, namentlich AMD, Broadcom und Intel, die als zentrale Enabler der KI‑Entwicklung fungieren. Auch in der Schweiz finden sich zentrale Schlüsselakteure entlang dieser Wertschöpfungskette. VAT Group, Comet und Inficon zählen zu den wichtigsten Zulieferern im Halbleiterökosystem, während ABB insbesondere im Bereich Energieinfrastruktur und Elektrifizierung eine Schlüsselrolle einnimmt. In Europa nimmt ASML eine einzigartige Stellung ein: Das niederländische Unternehmen verfügt über ein faktisches Monopol bei EUV‑Lithografiemaschinen, ohne die, die modernste Chips nicht hergestellt werden können. Auch ausgewählte Schwellenländer gewinnen zunehmend an strategischer Bedeutung, insbesondere Taiwan und Südkorea, die mit Unternehmen wie TSMC, Samsung Electronics und SK Hynix zentrale Pfeiler der globalen Halbleiter- und Speicherproduktion sind.

Am Ende zeichnet sich damit ein klarer Paradigmenwechsel ab: Knappheit wird zum dominierenden Treiber von Kapitalmärkten, Inflation und globalen Wertschöpfungsketten. Wer die Engpässe kontrolliert, kontrolliert künftig auch die Wertschöpfung.

[Diese Publikation wurde in Zusammenarbeit mit Renée Stadler verfasst.]

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