Ist das Comeback des Geldmarktes bereits wieder vorbei?

Der Konjunkturzyklus ist in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlich. Dies belegen die Marktschwankungen: 2022 ging es steil bergab, 2023 deutlich bergauf, eine beispiellose Straffung der Geldpolitik.

Trotzdem haben sich viele Anleger und Sparer wie gewohnt von Gewinnstreben und Risikoaversion leiten lassen. Sie machten den Anstieg der Geldmarktsätze (die blaue Linie in der Grafik) mit, weil sie sich einen attraktiven Gewinn (von aktuell bis zu 4% Nominalrendite – der blaue Punkt in der Grafik) erhofften, aber auch weil sie befürchteten, dass sich das Jahr 2022, in dem Aktien und Anleihen gleichzeitig zurückgingen, wiederholt.

Die Zinsen sind ein grundlegender Faktor jeder Berechnung und jedes Finanzgeschäfts.

Kevin Thozet, Mitglied des Investment Committee, Carmignac

Davon profitierten die Staaten: Die Programme zur Aufnahme von privatem Kapital in Europa waren ein voller Erfolg und auch das US-Finanzministerium konnte sich über kurzfristige Anleihen Kapital beschaffen. Aber auch Anleger profitierten, indem sie 2022 und im ersten Halbjahr 2023 sinnvollerweise den Geldmarkt bevorzugten. Dabei sollte man jedoch nicht den Kurswechsel der Zentralbanker und dessen Folgen ausser Acht lassen. Immer mehr dieser Programme laufen nun aus. Der erwartete Rückgang der Geldmarktzinsen bedeutet, dass die Rendite am Geldmarkt künftig sinken wird (wie die blaue gepunktete Linie in der Grafik).

Quellen: Carmignac, Bloomberg, Februar 2024

Anleger und Sparer sollten sich bewusst machen, dass der Nominalzins eines Geldmarktfonds oder eines Termingeldkontos zurzeit zwar attraktiv ist, aber mit zunehmender Laufzeit der Anlage wahrscheinlich sinken wird. Solange die Inflation und Zinserhöhungen nicht zurückkehren, werden die Zinsen an den Geldmärkten weiter sinken. Das bedeutet, dass Anleger und Sparer mit einem Reinvestitionsrisiko konfrontiert sind – dem Risiko, relative Verluste einzufahren, wenn die Renditen der aktuellen Anlagen zu einem niedrigeren Zinssatz reinvestiert werden.

Was kann man dagegen tun?
Die Credit-Märkte bieten ein Renditeplus, das Anleger sich für die kommenden Quartale oder sogar Jahre sichern können – der grün schraffierte Bereich in der Grafik entspricht der Zusatzrendite, die die Credit-Märkte zurzeit im Vergleich zu den Geldmarktzinsen bieten. Anders ausgedrückt: Jeder Anleger, der seine Geldmarktpositionen hält oder sein Kapital erst verspätet umschichtet, ist mit einem entgangenen Gewinn zwischen 1% und 2% pro Jahr konfrontiert – ein nicht unerheblicher Performanceverlust. Die Neigung zu Strategien, die ein Performancevorteil bieten, dürfte zu einer guten Entwicklung der Carry Trades und zu einem Aufschwung der aktiven Verwaltung zulasten des Geldmarkts beitragen. Das Anlegerverhalten zu verstehen, das seinerseits in hohem Masse von den Handlungen der Zentralbanken abhängt, ist allein schon wegen der Auswirkungen auf das spekulative Verhalten der Anleger von entscheidender Bedeutung. Die Zinsen sind die Grundlage jeder Berechnung und jedes Finanzgeschäfts, um es mit Schumpeter zu sagen.

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