Den Europäern fehlt der Blick in den Spiegel, wenn sie die USA beurteilen

Die USA sind ein gespaltenes Land – sagen auch die Europäer. Dabei sollten die sich besser zurückhalten.

«Zutiefst gespalten» ist eine der Beschreibungen, die besonders häufig in deutschen, aber auch in anderen europäischen Medien zu lesen und zu hören ist, wenn es um die USA geht. Die Bevölkerung der immer noch grössten und bedeutendsten Volkswirtschaft der Welt eingeteilt in radikalisierte Gruppen, die einander immer unversöhnlicher gegenüberstehen, wie es scheint – Waffennarren obendrein.

Wir sind nicht anders als die Amerikaner. Sie sind uns nur einen Schritt voraus.

Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege, Flossbach von Storch AG

Vermutlich ist die Zustandsbeschreibung nicht gänzlich falsch; trotzdem würde ich mir zuweilen etwas mehr Zurückhaltung von europäischer Seite wünschen. Wir taugen in diesem Falle nicht als Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger (in vielen anderen übrigens auch nicht!). Zumal eines bei all den Diskussionen über die amerikanischen Unzulänglichkeiten zumeist fehlt: der Blick in den Spiegel.

Wenn der Wohlstand bedroht ist, dann ...
Polarisierung ist kein US-amerikanisches Phänomen, sondern ein zutiefst menschliches und damit globales. Denken Sie an die jüngsten Wahlergebnisse in «Good Old Europe». Das Erstarken der politischen Ränder. Oder denken Sie an den zunehmend aggressiveren Ton in gesellschaftspolitischen Debatten hierzulande. Wenn der Wohlstand einer Volkswirtschaft bedroht scheint, werden die «Verteilungskämpfe» umso erbitterter geführt. Auch in Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien. Wir müssen uns nur die langfristigen Perspektiven unserer sozialen Sicherungssysteme anschauen, insbesondere die der gesetzlichen Rentenkasse, um zu erahnen, was uns noch blühen könnte. Gelingt es uns nicht, dem demografischen Wandel etwas entgegenzusetzen – mit klugen Reformen und indem wir den Kapitalmarkt sehr viel stärker nutzen –, dann haben wir in nicht allzu ferner Zukunft ein echtes Problem. Jung gegen Alt. Arm gegen Reich. Eine «zutiefst gespaltene» Gesellschaft.

Wir sind nicht anders als die Amerikaner. Sie sind uns nur einen Schritt voraus.

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