Wenn Knappheit zur Story wird: Wie belastbar ist der Silberboom?
Silber erlebt derzeit einen aussergewöhnlichen Höhenflug. Hinter dem rasanten Anstieg stehen Kräfte, die über klassische Krisenängste hinausgehen. Doch nicht alle Triebfedern dieses Booms sind so stabil, wie sie scheinen.
Silber hat in den vergangenen eineinhalb Jahren einen aussergewöhnlichen Preisanstieg erlebt: Nachdem das Metall lange Zeit in einer Spanne von 20 bis 30 Dollar je Unze gehandelt wurde, notiert es inzwischen bei über 100 Dollar. Allein im vergangenen Jahr hat sich der Preis verdoppelt.
Christoph Sax, Chief Investment Officer, VZ VermögensZentrumSilber eignet sich für die meisten langfristig orientierten Anleger zurzeit kaum als Investment.
Die Treiber hinter dieser Bewegung ähneln teilweise jenen des Goldes: schwindendes Vertrauen in den Dollar sowie die Suche vieler Investoren nach Absicherung in unsicheren Zeiten. Doch bei Silber wirkt zusätzlich ein Fundamentalfaktor: die wachsende Industrienachfrage. Während die Investorennachfrage nach der Pandemie zunächst wieder etwas nachgab, zog die industrielle Nutzung spürbar an. Die Photovoltaik – befeuert durch Chinas zügigen Solarausbau – entwickelt sich zum wichtigsten Wachstumsmotor. Auch Elektronikprodukte, Rechenzentren und Elektromobilität benötigen Silber (E‑Fahrzeuge enthalten wesentlich mehr Silber als klassische Verbrenner). Trotz hoher Preise bleibt zudem die Schmucknachfrage stabil, denn Gold als Alternative hat sich noch stärker verteuert. Demgegenüber steht ein Angebot, das kaum mitwächst. Rund 1 Milliarde Unzen werden jährlich gefördert – zu wenig, um den Bedarf zu decken; seit fünf Jahren herrscht ein Nachfrageüberhang, und eine schnelle Ausweitung der Produktion ist kaum möglich.
Was heisst das nun vorausschauend? Die knappe Angebotslage rechtfertigt grundsätzlich höhere Preise, doch die jüngste, ungewöhnlich starke Beschleunigung des Anstiegs deutet auf wachsende spekulative Kapitalströme hin: Wenn Knappheit herrscht, lässt sich der Preis durch spekulative Käufe stärker in die Höhe treiben. Diese Entwicklung erhöht das Risiko abrupter Rückschläge, vor allem, wenn Gewinnmitnahmen getätigt werden – zumal Silber historisch nach dramatischen Höhenflügen immer wieder lange Phasen schwacher Entwicklung durchlaufen hat. Vor diesem Hintergrund eignet sich Silber für die meisten langfristig orientierten Anleger zurzeit kaum als Investment.