Der Markt unterschätzt Alcons zweite Wachstumsphase
Nicht jede gute Aktiengeschichte beginnt laut. Alcon könnte gerade in ihre spannendste Phase eintreten.
An der Börse faszinieren oft die lautesten Geschichten. Mich interessieren jedoch meist jene Unternehmen, die über Jahre konsequent investieren und erst später die Früchte ihrer Arbeit ernten. Genau deshalb beobachte ich Alcon derzeit besonders aufmerksam.
Christoph Wirtz, Fund Manager, Rothschild & Co BankFür mich gehört Alcon zu den Qualitätsunternehmen, die Anleger derzeit besonders aufmerksam verfolgen sollten.
Der Augenheilkundespezialist hat sich seit der Abspaltung von Novartis zu einem weltweit führenden Unternehmen in der Ophthalmologie entwickelt. Das Geschäft ruht auf zwei starken Säulen: der Augenchirurgie sowie Kontaktlinsen und Produkten für die Augenpflege. Beide Märkte profitieren von langfristigen Trends. Die Bevölkerung wird älter, Kataraktoperationen nehmen zu, Kurzsichtigkeit breitet sich weltweit aus und trockene Augen werden durch die intensive Bildschirmnutzung immer häufiger. Doch diese Trends sind längst bekannt. Für mich liegt der eigentliche Reiz der Aktie an einer anderen Stelle. Ich glaube, Alcon steht vor einer Phase, in der sich die hohen Investitionen der vergangenen Jahre zunehmend auszahlen könnten.
Der Wendepunkt könnte näher sein
Über Jahre investierte das Unternehmen massiv in Forschung, neue Produkte und Produktionskapazitäten. Das belastete den freien Cashflow und liess den Titel zeitweise wenig dynamisch erscheinen. Nun könnte sich das Blatt wenden. Neue Produkte kommen auf den Markt, gleichzeitig dürfte der Investitionsbedarf sinken. Damit steigen die Chancen, dass künftig deutlich mehr Umsatz in freien Cashflow umgewandelt wird. Genau solche Wendepunkte werden an der Börse häufig unterschätzt. Wachstum allein reicht heute nicht mehr. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen seine Marktstellung auch in steigende Kapitalrenditen übersetzen kann. Ein wichtiger Baustein dieser Entwicklung ist für mich die neue Operationsplattform Unity. Der Markt hat sich zunächst stark auf den holprigen Start konzentriert. Aus meiner Sicht greift das zu kurz. Entscheidend sind nicht die einmaligen Geräteverkäufe, sondern die langfristigen Erträge aus Verbrauchsmaterialien und Implantaten. Wer sich einmal für ein System entscheidet, bleibt diesem in der Regel über viele Jahre treu. Natürlich besteht das Risiko, dass der hohe Preis die Einführung verlangsamt. Deshalb wird entscheidend sein, wie rasch Kliniken tatsächlich auf die neue Plattform umsteigen.
Mehr als nur Unity
Selbst wenn sich die Einführung langsamer entwickelt als erhofft, überzeugt mich das Geschäftsmodell. In der Augenchirurgie sind die Wechselkosten hoch. Chirurgen arbeiten oft jahrelang mit denselben Systemen, Abläufe sind eingespielt und das Vertrauen in die Technologie ist gross. Solche Wettbewerbsvorteile lassen sich nur schwer kopieren. Hinzu kommt die starke Marktstellung im Kontaktlinsengeschäft. Premium-Tageslinsen, innovative Intraokularlinsen, Produkte gegen trockene Augen oder Lösungen zur Behandlung der zunehmenden Kurzsichtigkeit bei Kindern eröffnen zusätzliche Wachstumschancen. Keine davon muss allein den Investment Case tragen. Zusammen ergeben sie jedoch ein robustes Fundament. Was mich deshalb optimistisch stimmt, ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: strukturelles Marktwachstum, ein neuer Produktzyklus und die Aussicht auf steigende Cashflows. Solche Konstellationen sind an der Börse selten. Ich rechne deshalb nicht mit einer spektakulären Kursrallye über Nacht. Aber ich sehe gute Chancen, dass Alcon in den kommenden Jahren Schritt für Schritt in eine neue Ertragsphase hineinwächst. Genau solche Übergänge werden vom Markt oft erst spät erkannt. Für mich gehört Alcon deshalb zu den Qualitätsunternehmen, die Anleger derzeit besonders aufmerksam verfolgen sollten. Nicht wegen kurzfristiger Fantasie, sondern weil vieles darauf hindeutet, dass aus jahrelangen Investitionen nun nachhaltiges Gewinn- und Cashflow-Wachstum entstehen könnte. Und genau daraus entstehen häufig die überzeugendsten Aktiengeschichten.