Die globalen Finanzmärkte am Tropf der US-Arbeitsmarktentwicklung

Im Mai gab es bei den meisten Anlageklassen keine grossen Preisbewegungen. Nur bei einigen Rohstoffen wie Erdöl oder Kupfer waren die Preiskorrekturen stark.

Innerhalb der Aktienmärkte gehörten die wachstumsorientierten Sektoren der Informationstechnologie sowie der Kommunikationsdienste zu den Gewinnern, während die defensiven Sektoren neben den Energie-, Finanz- und Immobilienaktien deutlich an Wert verloren. An den globalen Obligationen-Märkten haben die Regierungsanleihen in den Industrie- als auch in den Schwellenländern besser abgeschnitten als die Unternehmensanleihen.

Seit letztem Sommer haben die Analysten die Gewinnerwartungen für die von ihnen abgedeckten Unternehmen deutlich zum Schlechten korrigiert.

Anastassios Frangulidis, Chefstratege, Pictet Asset Management

Globale Einkaufsmanagerindizes in der Industrie auf tiefem nicht rezessivem Niveau
Die globale Konjunktur hat in den letzten 18 Monaten an Dynamik verloren. Ein wichtiger Treiber des nachlassenden globalen Wachstums ist der Industriesektor. Die während der Covid-Krise sehr starke Nachfrage nach Gütern, verlagerte sich nach dem Ende des Lockdowns auf den Dienstleistungssektor. Der Industriesektor war deshalb mit einem nachlassenden Auftragseingang konfrontiert. Darüber hinaus haben die verschlechterten Refinanzierungskonditionen als Folge der restriktiveren Geldpolitik das Umfeld der Industrieunternehmen weiter verschlechtert. Der aus 31 nationalen Einkaufsmanagerindizes bestehende Index der globalen Aktivitäten in der Industrie hat im Verlauf des letzten Jahres einen starken Rückgang erlebt, zeigt aber zuletzt Zeichen der Stabilisierung (Grafik 1). Eine positive Nachricht kommt aber von der Preisfront. Gemäss Angaben der Umfrage-Teilnehmer lässt der Preisdruck bei den Vorleistungsgütern nach und die Lieferzeiten normalisieren sich wieder. Die Folgen dieser Entwicklung sehen wir auch bei der Bildung der Güterpreise, welche mittlerweile nur sehr schwach steigen.

Grafik 1: Starke Korrektur der Einkaufsmanager-Indizes weltweit

Quellen: Pictet Asset Management, Refinitiv, 23.05.2023

Gewinnerwartungen weiterhin hoch
Seit letztem Sommer haben die Analysten die Gewinnerwartungen für die von ihnen abgedeckten Unternehmen deutlich zum Schlechten korrigiert. Dies hauptsächlich aufgrund der negativen Entwicklung bei den Margen, welche vor allem als Folge der steigenden Löhne gelitten haben. Auch wenn die Gewinne des ersten Quartals weniger schlecht ausfielen als befürchtet, bleiben die Gewinnerwartungen recht hoch und ein weiterer Revisionsbedarf scheint wahrscheinlich zu sein. Das gilt insbesondere für die erwarteten Gewinne des Jahres 2024, welche gemäss den Analysten auf globaler Ebene um über 10% wachsen sollten (Grafik 2). Da die globale Konjunktur gemäss unseren Prognosen im nächsten Jahr in nomineller Hinsicht noch schwächer wachsen wird als im laufenden Jahr, ist davon auszugehen, dass Margen und Umsätze weniger stark wachsen werden als aktuell von den meisten Analysten prognostiziert wird, was die Gewinnentwicklung negativ tangieren wird.

Grafik 2: Gewinnerwartungen sind weiterhin hoch

Quellen: Pictet Asset Management, Refinitiv, 23.05.2023

Arbeitsmarktlage entscheidend für die weitere Aktienpreisentwicklung
Dass die US-Wirtschaft trotz der sehr restriktiven Geldpolitik bisher eine Rezession vermeiden konnte, ist nicht zuletzt auf die Bereitschaft der privaten Haushalte zurückzuführen, Dienstleistungen wie Restaurant- oder Hotelbesuche überdurchschnittlich zu konsumieren. Dies lässt sich einerseits auf die hohen Überschussersparnisse als Folge des Einkommenstransfers vom Staat während der Covid-Periode, andererseits auf die robuste Lage des Arbeitsmarktes zurückführen. Letztere zeigt aber erste Zeichen der Schwäche. So ist in den letzten Monaten die Anzahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze zwar auf hohem Niveau geblieben, ist aber klar rückläufig. Wie Grafik 3 zeigt, würde sich eine weitere Verschlechterung der Arbeitsmarktlage positiv auf die Obligationen- im Vergleich zu den Aktienmärkten auswirken. Die weitere Entwicklung des US-Arbeitsmarktes ist deshalb sowohl für die Realwirtschaft als auch für die globalen Finanzmärkte von grosser Bedeutung.

Grafik 3: Arbeitsmarktentwicklung spricht für Obligationen

Quellen: Pictet Asset Management, Refinitiv, 23.05.2023

Weiterhin vorsichtige Anlagepolitik
Unsere Anlagepolitik bleibt weiterhin auf die schwache konjunkturelle Entwicklung in den USA und die Öffnung Chinas ausgerichtet. Wir sind weiterhin in defensiven Sektoren und Qualitätsaktien übergewichtet, während die Aktienquote tiefer als im Benchmark ist. Der Schweizer Aktienmarkt ist ein Teil dieser Strategie. Wir halten zudem unsere Positionen in Aktien von Unternehmen, die hauptsächlich auf High-End Produkte spezialisiert sind mit Schwerpunkt Asien. Ebenfalls stark investiert sind wir in Anleihen und Aktien der Schwellenländer. Diese profitieren von der Öffnung Chinas. Die Währungen, welche sich im letzten Jahr gegenüber dem Dollar deutlich abgeschwächt haben, werden sich jetzt im Zuge der erwarteten Kapitalzuflüsse erholen. Interessant sind die Schwellenländeranleihen aber auch, weil ihre Notenbanken diesen Zinserhöhungszyklus früher als das Fed begonnen hatten und nun global die Ersten sind, deren Leitzinsen bereits wieder gesenkt werden. Bei den Obligationen sind wir vorsichtig gegenüber den Unternehmensanleihen mit einem tiefen Rating, während die globalen Staatsanleihen und insbesondere diejenigen der USA weiterhin positiv beurteilt werden.

Hauptbildnachweis: Pixabay